Bisher war ich ja eher der Spaziergänger, der langsam, leise und ganz in Ruhe durch Wälder und über Felder geht. Immer auf der Suche nach wilden Tieren. Ansitz war bislang überhaupt nicht meins. Ich brauchte Bewegung neben meinem Vollzeit-Bürojob.
Doch dann wollte ich mehr. Ich wollte die Tiere nicht immer nur aus weiter Entfernung fotografieren. Und wenn sie doch mal ganz nah bei mir waren, konnte ich meistens die Kamera nicht vor mein Gesicht nehmen, da sie diese Bewegung sofort bemerkt hätten. Und was ich überhaupt nicht möchte, ist ein Tier erschrecken. Also versuchte ich mein Glück, mich getarnt und leise im Gestrüpp zu verstecken und zu warten.
Anfangs hatte ich einen Tarn-Poncho, den ich mir über den Körper werfen konnte. Die Kamera, das Stativ und den Rucksack deckte ich zusätzlich mit tarnfarbenem Stoff zu. Mein Gesicht bedeckte ich mit einer Tarn-Maske und die Hände bekamen Tarn-Handschuhe an. Es war jedes mal ein kleiner Nervenkrieg. Ständig verrutsche irgendwo was, den Poncho hatte ich permanent vor meinem Gesicht hängen, der Rucksack lag immer wieder frei und außerdem musste ich vor jedem Ansitz etliche Sachen zusammen packen und durfte nichts vergessen.
Somit kaufte ich einen großen Tarn-Überwurf, der alles abdecken kann. Es ist schon fast wie ein kleines Zelt, wo alle meine Sachen und ich perfekt drunter passen. Das Objektiv schaut durch ein dafür ausgespartes Loch und vor meinem Gesicht ist ein Netz eingebaut, wodurch ich den Rundumblick habe, mich die Tiere aber dank der Farbe des Netzes nicht sehen können. Und ein weiterer großer Vorteil: Die Mücken kommen nicht mehr an mich heran :D

Beim ersten Ansitz unter dem Überwurf hatte ich gar keinen Erfolg, was ziemlich sicher am leicht chemischen Geruch des nagelneuen Überwurfes gelegen hat. Somit ging er erst einmal für ein paar Tage auf den Balkon zum lüften.
Dann der zweite Versuch. Ich saß unter dem Überwuf, dicht ins Gestrüpp gedrängt auf dem Feld, als ein Feldhase den Weg entlang hoppelte. Er kam immer weiter auf mich zu und bemerkte mich nicht. Mit zittrigen Händen vor Aufregung fokussierte ich den Hasen und drückte auf den Auslöser. Der Hase schaute kurz in meine Richtung, knabberte weiter an den Salatblättern und hüpfte weiter auf mich zu. Wow. Die Tarnung schien perfekt zu sein. Letztendlich saß er so nah vor meinem Objektiv, das ich aufgrund der Naheinstellgrenze gar kein scharfes Foto mehr von ihm machen konnte. Er knabberte vielleicht einen halben Meter vor mir noch weiter an den Salatblättern und hüpfte gemütlich weiter des Weges.
Versuch Nr. 3 ging in die Hose. Zwar kam auch dieses mal wieder ein Feldhase direkt auf mich zu und blieb ca. 1 Meter vor mir stehen, doch leider war es an diesem Tag etwas windig. Der Stoff bewegte sich durch den Wind und der Hase war weg.

Beim vierten mal lief ein junger Fuchs am Weg entlang. Ich war mega gespannt, ob er die Tarnung wittern würde. Immerhin sind die Sinnesorgane beim Fuchs extrem gut ausgeprägt. Sein Geruchssinn ist 400 mal besser als beim Menschen, seine Ohren kann er in fast alle Richtungen drehen und somit Geräusche sehr gut lokalisieren und seine Augen sehen sogar noch in der Dunkelheit sehr gut, wenn der Mensch schon gar nichts mehr erkennen kann.
Auch der Fuchs kam direkt auf mich zugelaufen. Er wechselte immer die Wegseite. Scheinbar auf der Suche nach Nahrung. Als er ca. 3 Meter von mir entfernt war, fokussierte ich und drückte auf den Auslöser. Seine Ohren gingen sofort nach oben und er schaute in meine Richtung. Und ich hielt den Atem an. Ich war so gespannt, was jetzt passieren würde. Anders als bei dem Feldhasen wirkte der Fuchs nervös. Er lief zwar weiter stückchenweise auf mich zu, doch er schaute auch immer wieder zu mir. Ich war mir sicher, das er mich witterte. Nur gesehen hat er mich nicht. Ein weiteres Foto habe ich nicht gemacht. Ich wollte ihn nicht zu sehr vom Geräusch des Auslösers verunsichern. Ein geräuschloses Video konnte ich mir allerdings nicht entgehen lassen.

Ich ließ ein paar Tage vergehen und versuchte es ca. 4 Wochen später wieder am gleichen Ort, wo ich die letzten Male Erfolg hatte. Die erste Stunde war ziemlich öde. Kein Hase, kein Fuchs, kein Reh in Sicht. Nur ein bisschen geraschel hinter mir, was wahrscheinlich eine Maus oder ein Vogel gewesen sein wird. Und dann sah ich eine kleine Bewegung hinter dem Erdhügel, der sich auf der rechten Seite vor mir befand. Über dem Hügel schaute ein Stück Ohr hervor, was sehr wahrscheinlich das Ohr eines Rehs sein musste. Schließlich trat eine wunderschöne Ricke hinter dem Hügel hervor, schaute sich um und lief weiter. Und das wieder keine 5 Meter vor mir. Da hatte sich der zuerst erfolglos geglaubte Ansitz ja doch noch gelohnt.
Und es sollte sich noch mehr lohnen. Hinter der Ricke kam noch ein Kitzbock hinter dem Hügel hervor. Ich konnte mein Glück kaum fassen. Der Kitzbock blieb direkt vor meiner Kamera stehen und äste ganz gemütlich, während die Ricke aufmerksam Wache stand. Ich machte ein paar Aufnahmen, in der Hoffnung, das ich durch das Geräusch des Auslösers nicht auffallen würde. Den kleinen Bock interessierte das überhaupt nicht. Doch die Ricke war sehr aufmerksam und spürte, das hier wortwörtlich etwas im Busch war. Ich nahm den Finger vom Auslöser und beobachte die beiden noch etwas, die aber nach kurzer Zeit gemütlich abzogen.
Keine 10 Minuten später kam der Feldase auf mich zu gehoppelt. Posierte vor meiner Kamera und zog wieder ab.
Langsam wurde es düster und kalt. Ich beschloss, nun langsam zusammen zu packen. Vernünftige Fotos bekommt man nun eh nicht mehr. Fertig gepackt und bereit zu gehen, sah ich noch einen Fuchs auf dem Weg nach einer Maus springen. Schöner hätte der Tag nicht sein können.

Hätte ich nicht unter dem Tarnüberwurf gesessen, hätte ich die meisten dieser Tiere sehr verschreckt. Ich hätte sie niemals so beobachten und ablichten können. Und das sind einfach traumhaft schöne Erlebnisse, die immer in Erinnerung bleiben. Schön wäre jetzt nur noch eine komplett lautlose Kamera. Dann wäre die Tarnung noch perfekter. So lasse ich immer ein paar Tage und Wochen vergehen, bevor ich mich wieder zu diesem Ansitz begebe.
Es folgten ein paar erfolglose Ansitze, was aber weniger an meiner Tarnung lag. Die Tage wurden kürzer, die Uhrzeit wurde gerade umgestellt, die Temperaturen sanken. Zudem liefen an den wenigen Stunden Tageslicht vermehrt Spaziergänger mit ihren Hunden am Feld Gassi. Wildtiere waren derzeit kaum noch zu sehen.
Und eines morgens hatte ich wieder Glück. Ich werde berichten :)
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